Funktionelle Anatomie – immer wieder spannend

Die Funktionelle Anatomie ist ein Begriff der Bewegungslehre und beschäftigt sich mit der materiellen Struktur der Gewebe eines Organismus, schwerpunktmäßig der des Bewegungsapparates. Das bedeutet zum Beispiel den Zusammenhang zwischen dem Aufbau der Knochen, Gelenke und Muskeln und ihrer Funktion im Rahmen von Bewegungen. Das heißt in der Praxis: Wie verändern sich diese während der Entwicklungszeit eines Pferdes unter Gebrauch (Belastung – Nichtbelastung – Fehlbelastung) und gibt es Zusammenhänge zwischen dem Körperbau des Pferdes, seinem Ausbildungsweg und typischen Verletzungsmechanismen bzw. Fehlfunktionen?

Was wünscht sich der (Dressurpferde-) Züchter? Er träumt vom schicken, langbeinigen Fohlen mit natürlichem Bergauf, viel Beinaktion, großem Bewegungsablauf und schickem kleinen Kopf mit am bestem noch spritzigem Gemüt, denn dieses Fohlen suggeriert dem potentiellen Kunden, dass es quasi von allein zum Grand Prix Pferd wird. Sowas läßt sich gut vermarkten, denn Lieschen Müller ist ganz verzückt von diesem vielen „Gummi und Go“ und sieht sich schon auf dem ländlichen Turnier allen anderen davonschweben… Die etwas normaler konfigurierten Fohlen bleiben erstmal beim Aufzüchter. Dieser hofft, dass sich im Verlauf der sich anschließenden professionellen Ausbildung durch Berufsbereiter (die er sich zwangsläufig auch etwas kosten lassen muß) ein entsprechendes Jungpferd herausarbeiten läßt, dass die Wünsche und Träume (s.o.) von Lieschen Müller bedient. Und so werden viele Youngster früh künstlich durch die Bereiterhand aufgerichtet und kurz gemacht, um dem Interessentenauge eine Versammlungsfähigkeit und vermeintlichen Schmelz vorzugaukeln – Träume wollen schließlich bedient werden und Pferde zu unterhalten kostet viel Geld. Die jungen Pferde, die diesen Weg ohne schwerere Folgeschäden gemeistert haben (natürlich incl. Röntgen-TÜV I-II) werden für gutes Geld verkauft und die, die über ihre Jungpferdeausbildung bereits jeglichen Charme und Bewegungsfreude eingebüßt haben, werden wie die etwas verbauten Kollegen an den vermeintlich anspruchsloseren Freizeitreiter für kleineres Geld (oder den blinden Laien für größeres Geld) abgegeben. Grob umrissen gibt es also vier Wege für ein junges Pferd zu seinem Endabnehmer zu kommen.

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Ein Traum??

Beginnen wir bei dem vermeintlich bewegungsstarken Fohlen, das nach seiner Aufzuchtzeit nun in den Beritt kommt. Es ist weiterhin sehr langbeinig und inzwischen eher als „Hochrechteckpferd“ angelegt. Der Hals ist ebenfalls hoch angesetzt und verhältnismäßig lang. Der Rücken ist eher kurz und abfallend mit sehr großen Winkeln in der Hinterhand, ähnlich einem HD-gefährdeten Schäferhund. Wie wird sich dieses Pferd unter dem Reiter bewegen? Stellen Sie sich vor, dieses Pferd ist ein Fahrrad – in diesem Fall eines dieser eher altmodischen Hochräder. Das ist verhältnismäßig wackelig und die Vorstellung ein solches Rad freihändig zu fahren, löst zumindest bei mir Unbehagen aus – bringen wir uns in Erinnerung, dass ein Reiter sein Pferd langfristig handunabhängig reiten soll. Sprich das Pferd muß durch seinen Körperbau und seine gute Ausbildung soweit ausbalanciert werden, dass es sich ohne Schwanken und krankmachende Ausgleichsbewegungen unter einem Reiter bewegen kann und das nicht nur auf gerader Strecke… Jetzt stellen Sie sich dieses „Hochrad“ unter Lieschen Müller vor, die eigentlich noch ein Kinderfahrrad mit Stützrädern bräuchte (das meine ich nicht böse! „Richtiger reiten“ ist eine lebenslange Aufgabe), da ist der Frust doch vorprogrammiert. Und zwar nicht nur beim Menschen – denn es handelt sich eben NICHT um ein Fahrrad, sondern um ein hochsensibles Sportpferd, dessen Interieur mit viel Elektrik teilweise bis zur Hysterie ausgestattet ist.

Nehmen wir Fall zwei und drei, den Youngster mit den guten bis durchschnittlichen natürlichen Bewegungen. Hier finden sich Pferde mit Exterieurmerkmalen in großer Spannbreite. Da gibt es den Idealtyp: Ein Rechteckpferd mit ausreichend langem Rücken, einem ausgewogenen Verhältnis der Vorderbein- und Hinterbeinlänge, einem gut angesetzten Hals mit freier Ganasche, einem nicht zu straffen und nicht zu weichen lumbosakralem Übergang und einer gut gewinkelten Hinterhand, die nicht schon im Stand nach hinten herausgestellt ist. Idealerweise stehen die Vorder- und Hinterbeine nicht zu eng und nicht zu weit. Das Auge ist groß, die Maulspalte lang und der Charakter ist gutmütig und sanft – das ist der Traum, den Lieschen Müller und wir alle träumen sollten. Die meisten Pferde haben hiervon abweichende „Mängel“. Ein etwas zu kurzes Vorderbein hier, ein etwas zu gerades Hinterbein oder eine etwas zu weiche Lendenpartie dort. Mit einer reell an der Ausbildungsskala orientierten Ausbildung sind dieses immer noch ganz wunderbare Reitpferde, die mit entsprechender Förderung auch sehr, sehr gut im Leistungssport einzusetzen sind. Und hier kommt jetzt der Ausbilder ins Spiel – von ihm hängt wahnsinnig viel ab. Er muß in der Lage sein die „Mängel“ und die Stärken des ihm anvertrauten Pferdes zu erkennen und durch sein gymnastizierendes Arbeiten die Rittigkeit des Pferdes zu verbessern. Es ist seine Aufgabe ein individuelles Ausbildungskonzept zu erstellen. Dieses muss darauf ausgerichtet sein, das Pferd in ein erworbenes Gleichgewicht zu bringen und ihm die Freude am Reitpferdeleben nicht zu vermiesen. Das kostet aber Zeit und Geld, so dass leider vielfach auf Kosten der Pferdegesundheit ein Standardprogramm absolviert wird.

Als Beispiel möchte ich zwei Pferde nennen, die gerade zu mir in den Korrekturberitt gekommen sind: Beides sind fünfjährige Wallache mit einem guten natürlichem Exterieur, beide sind direkt aus Züchterhand in professionellen Beritt gegangen und beide sind meines Erachtens bereits in die Kategorie drei durchgefallen. Sie sind in der Oberlinie maximal verkürzt und haben keinerlei Idee von Dehnungsbereitschaft, beide sind im Rücken komplett festgehalten und im Bewegungsablauf taktgestört. Bei dem einen zeigt sich das vor allem in einem phasenverschobenen, passartigen Schritt. Bei dem anderen besteht bereits ein Zungenfehler und ein beeindruckender Beckenschiefstand. Hinter dem lumbosacralen Übergang hat er die so typische Komprimierungsmuskulatur ausgebildet und es finden sich Kreuzgallen an beiden Sprunggelenken. Ohne die stützende bzw. tragende Reiterhand ist dieses Pferd so unausbalanciert, das man nur mit Bedacht die Zirkellinie wählen sollte. Dieser Wallach ist 178cm groß und es existiert ein professionelles Verkaufsvideo vom Dezember 2014, in dem ein maximal aufgerichtetes Pferd im festgehaltenen Schwebetrab mit großen Bewegungen und komplett entlarvendem „Kaninchengalopp“ mit schiefem Schweif präsentiert wird. Wir sind gespannt, inwieweit sich diese „Dysfunktionen“ durch korrigierenden Beritt beheben lassen und vertrauen auf beider liebenswürdigen Charakter und immer noch vorhandenen Bereitschaft zur Mitarbeit.

Bleiben noch die Pferde mit eher gravierenden Mängeln bereits im natürlichen Exterieur. Auch diese Pferde können durch eine gute und geduldige Ausbildung soweit bearbeitet werden, dass sie ihre zukünftigen Besitzer glücklich machen. Auch hier ist es die Aufgabe des Bereiters zu erkennen, was realistisch möglich ist und dieses auch an den Züchter/Verkäufer zu vermitteln. Ein natürlich vorhandlastiges Pferd (z.B. kurzes Vorderbein, tiefer Halsansatz, herausgestellte Hinterhand ohne Winkelung) durch handorientiertes „Runden“ des Genicks in eine für den Laien attraktive Schablone formen zu wollen, ist dem Pferd und auch dem späteren Besitzer gegenüber nicht fair. Diese Pferde sind von Natur aus bereits gefährdet, frühzeitige „Nutzungsschäden“ zu erleiden. Dem sollte man durch schlechtes, undifferenziertes Ausbilden nicht auch noch Starthilfe leisten.

Fazit: „Funktionelle Anatomie“ ist höchst spannend und ich wünschte mir für die Pferde einen differenzierten und selbstkritischen Blick aller beteiligten Berufsgruppen (Züchter, Bereiter, Reitlehrer, Richter) auf ihr Tun und eine offene und ehrliche Kommunikation miteinander. Es ist nicht zu erwarten, dass eine Veränderung für die Pferde der heutigen Zeit vom Durchschnittsendverbraucher ausgeht – denn deren Wünsche, Träume und Selbsteinschätzung stehen nochmal auf einem ganz anderen Blatt.

Für Fragen oder Diskussionen stehe ich wie immer gerne zur Verfügung…..

Euer Jörg

P.S.: Übrigens sind beide „Jungens“ auf einem sehr, sehr guten Weg und machen uns viel Freude;-))     –      Wir Menschen sollten uns immer wieder den Großmut, die Geduld und die Fähigkeit sich auf „Neues“ vorurteilsfrei einlassen zu können zum Vorbild nehmen!!

Comments

  1. Rosita Böhlke meint

    Danke für diesen tollen, interessanten Artikel (und auch die anderen!!) Mit Erleichterung lese ich die Anmerkung zum Verkaufsvideo – Ich habe mich nämlich beim Betrachten solcher Bewegungsabläufe wie Kaninchengalopp, überdrehtes Tempo etc. immer gefragt, ob meine Wahrnehmung nicht stimmt oder die technische Qualität des Videos. LG von Rosita

  2. Ein sehr schöner Artikel. Ein großes Problem ist einen guten Ausbilder zu finden – für Pferd und Reiter. Ein Trainerschein ist dafür leider überhaupt kein Anhaltspunkt. Ich weiß aus Erfahrung, dass beim Trainerlehrgang alles brav erarbeitet wird und anschließend so gearbeitet wird wie bisher. Ebenso bei Fortbildungen, wobei ich bei einigen davon auch schwer entsetzt war, was da gezeigt und erklärt wird. Abgesehen davon, dass Anatomie und Bewegungsablauf, Fehler erkennen und vermeiden nicht großartig vermittelt wird/werden kann. Zeit, Kosten Lernaufwand…..
    Ich wünsche mir mehr Kursangebote, die verständlich erklären worauf man bei der Pferde- und Reiterausbildung exterieurmäßig achten soll und wie man alle entsprechend fördert. Denn ich denke, man kan immer dazulernen.
    LG Sabine

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