„Reite Dein Pferd vorwärts und richte es gerade“

Ein viel zitierter Satz von Gustav Steinbrecht aus „Das Gymnasium des Pferdes“, von dem ich aber den Eindruck habe, dass er regelmäßig fehlinterpretiert wird. Gemeint ist nämlich nicht, dass wir unser Pferd möglichst schnell geradeaus reiten sollen! Gerne möchte ich daher im Folgenden einige Worte zum TAKT schreiben, dessen essentielle Bedeutung für eine korrekte Pferdeausbildung nicht genug betonen werden kann.

Was ist TAKT?? Zunächst einmal ist dies der erste Punkt der Ausbildungsskala. Per definitionem bedeutet dies: Das Gleichmaß aller Schritte, Tritte und Sprünge in Raum und Zeit – also ganz einfach der Schritt als Viertakt, der Trab als Zweitakt und der Galopp als Dreitakt (vor kurzem wurde mir noch der „rollende Viertakt-Galopp“ als gelenkschonende Variante angepriesen, den lassen wir aber lieber mal weg!) Soweit, so einfach!? Aber: Welche weiteren Faktoren beeinflussen den Takt meines Pferdes? Vor allem die Losgelassenheit, die Anlehnung und das Geraderichten…. jetzt wird es schon komplizierter. Nur wenn das Pferd einen gewissen Grad an Losgelassenheit erreicht, kann die Bewegung gleichmäßig werden. Dann erst ist das Pferd in der Lage zum Beispiel auch in Wendungen bzw. bei einem Richtungswechsel dieselbe Anzahl Tritte pro Minute zu machen. Nur eine korrekte Anlehnung macht es dabei möglich, hierbei Tempovariationen einzubauen ohne die Anzahl der Tritte pro Minute zu verändern – gemeint ist also ein Verlängern bzw. Verkürzen der Schrittlänge bei gleichbleibendem Takt. Das Geraderichten: Jedes Pferd ist von Natur aus schief, so dass sie insbesondere in der Hinterhand ungleich fußen. So ist ein rechts schiefes Pferd mit dem rechten Hinterbein in der Stützbeinphase und mit dem linken Hinterbein in der Vorfußphase verkürzt. Um für unser Pferd den richtigen Takt zu finden, müssen wir uns zunächst mal die Bewegung des Hinterbeines vor Augen führen. Es hebt ab, fußt vor, setzt auf, beugt, nimmt dabei die Bewegungsenergie auf und stößt sich damit wieder ab – wenn es gut läuft. Damit nun der eingangs zitierte Steinbrecht´sche Satz  Sinn macht, muss ein weiterer wichtiger Grundsatz erfüllt werden (den man in selbigem Buch übrigens auch regelhaft nachlesen kann): Das Pferd muß vor den treibenden Schenkeln und an der verhaltenden Hand sein!

Es reicht also nicht, das Pferd insbesondere in der Lösungsphase nur ordentlich vorwärts zu schicken – auch wenn viele Menschen (auch Trainer) scheinbar glauben, dadurch das Pferd dazu zu bringen, an die Hand heranzuziehen und/oder Schwung zu entwickeln. Aus physiologischer Sicht muss das Pferd die Bewegungsenergie des Hinterbeines über den schwingenden Rücken nach vorne durchlassen. Hierzu benötigt es ein Öffnen des Lumbosakralsgelenkes, sprich ein Abkippen im Becken. So kann die Energie über den freien langen Rückenmuskel nach vorne gelangen – bei gleichzeitiger weicher Anlehnung hebt sich dadurch auch der Widerrist. Wird das Pferd aber über Tempo vorwärts geritten, macht es sich im Rücken fest. Eine dringend notwendige und beidseits gleichmäßige Beugung der Hinterhand ist aufgrund der eiligen Fußfolge nicht möglich. Das Lumbosakralgelenk kann sich so nicht öffnen, der Widerrist kann sich nicht heben – das Pferd kommt (gebäudetechnisch unterschiedlich ausgeprägt) auf die Vorhand! Neben diesen ganz logisch nachvollziehbaren physiologischen Zusammenhängen ist auch die psychologische Wirkung nicht außer Acht zu lassen – stellen Sie sich vor, Ihr Rücken ist verspannt und ein Trainer scheucht Sie zum Aufwärmen/Locker machen so richtig tüchtig vorwärts: “ Zack, zack – das muss doch noch schneller und flüssiger gehen! Ich kann auch richtig Druck machen, wenn Du nicht läufst!“ Das würde Sie auch total entspannen, motivieren und die Bewegungsabläufe weicher und fließender machen, oder ;-)?

Auch das extreme Gegenteil ist kontraproduktiv. Wenn Sie Ihr Pferd zu viel zurücknehmen, geht die notwendige Bewegungsenergie aus dem Hinterbein verloren. Die Hinterhand wird steif, die Beugung fehlt, die Hufe schlurfen mit der Zehe durch den Sand. Dadurch ist auch ein Schwingen des Rückens unmöglich. Der lange Rückenmuskel wird fest, ein Heben des Widerrist erfolgt nicht, das Pferd bleibt ebenfalls auf der Vorhand. Das ist zum Beispiel ein Phänomen, welches bei Pleasurepferden in teilweise extremen Ausmaß zu beobachten ist….

Den richtigen Takt zu finden, ist also ein ganz schön schweres und komplexes Thema. Es bedarf viel Reitergefühl und auch Wissen um die körperlichen Eigenschaften Ihres eigenen Pferdes, um hier einen guten Weg zu gehen. Was können Sie jetzt in der täglichen Arbeit tun? Machen Sie sich bewußt, dass gesunde Bewegungen sich WEICH, RUND und FLIESSEND anfühlen sollten. Reiten Sie Ihr Pferd im Trab (der Zweitakt ist für uns am leichtesten zu erfühlen) und Variieren Sie das Tempo. Reiten Sie bewusst Über-Tempo und besonders untertourig – man bekommt dann einen ganz guten Eindruck, welches der individuelle Wohlfühltakt Ihres Pferdes ist – darauf kann man dann im Weiteren aufbauen.

Sollte sich dieser Text um ein vermeintlich banales Thema ganz schön kompliziert anhören – so ist es das auch! Reiten ist nicht einfach! Immer wieder müssen wir uns klar machen, wie viel wir (auch theoretisch!! Siehe den sehr wahren Satz von A. Podhajsky auf der Startseite dieser Homepage) lernen müssen, wenn wir uns mit den Pferden beschäftigen und uns anmaßen, uns auf ihren Rücken zu setzen.

Für Fragen stehe ich natürlich wie immer zur Verfügung.

Jörg Bös

Comments

  1. Cornelia Schumann meint

    Hallo Jörg
    Der Beitrag ist super u ich habe mir das zu Gemüte geführt. Ich würde gerne auch mal einen Dressurkurs mitmachen. Mein Pferd verspannt sich sehr gerne u geht auch immer wieder mal gegen den Zügel u nimmt den Schenkel nicht an

  2. Margrit Kosar meint

    Hallo Jörg,

    mein Pferd und ich profitieren bis heute von Deinem Lehrgang. Das war gut, richtig gut! Du hast mir viel Selbstvertrauen vermittelt und dafür möchte ich Dir ganz herzlich danken. Durch Deinen Verzicht aufs Richteramt hast Du einen Stein ins Rollen gebracht. Selbst im Trent Park Equestrian Centre in London, wo meine Tochter arbeitet, bist Du bekannt. „Ein cooler Typ“ – so lautet der Kommentar. Am nächsten Lehrgang wird an meiner Stelle meine Tochter teilnehmen. Ich werde mich aufs Zuschauen beschränken. Auch davon kann man viel lernen.

    Viele Grüße
    Margrit

  3. Toll geschrieben. Ich freu mich auf einen Kurs in Berlin/Brandenburg und hoffe das es mir möglich ist teil zu nehmen 🙂

  4. Birthe Hagemeister meint

    Danke Jörg für diesen schönen Artikel! Ich weiß nach über einem Jahr Unterricht bei Dir (in Hohenfelde) genau, was Du meinst und ich kann mittlerweile wirklich fühlen, wenn sich die Bewegung bei meiner Welsh-Cob Stute weich, rund und fliessend sind. Das ist einfach nur schön! 🙂

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