„Riegel, riegel und das Pferd geht am Zügel!?!“

In zahlreichen Pferdeausbildungs-Systemen findet sich auch der Begriff der „Anlehnung“ und wird z.B. in den „Richtlinien für Reiten und Fahren; Bd.1 Seite 12“ als „stete, weich federnde Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul“ beschrieben.

Aber wozu ist die Anlehnung denn überhaupt da????  Warum hat der Westernreiter beinahe automatisch ein Pferd in vermeintlicher  „Selbsthaltung“ mit  meterlanger Fahrleine in nur einer Hand und der dressurambitionierte Reiter steigt irgendwann auf Schlaufzügel um, weil Hände und Arme die Muskelkraft zur Erhaltung einer vermeintlichen „ANLEHNUNG“ nicht mehr aufbringen können?

Also wieder zurück auf Anfang: Worum geht es beim Reiten? Zunächst einmal möchten wir aus welchem individuellen Grund auch immer auf dem Rücken eines schönen und stolzen Tieres sitzen. Und just in diesem Moment sind wir verpflichtet, uns zu bemühen unser Pferd dadurch nicht zu schädigen.

Um ein Pferd durch das Reiten nicht zu schädigen, muss es runde, weiche und fließende/federnde Bewegungen ausführen. Dies gelingt umso besser, je mehr sich das Pferd im Gleichgewicht befindet. Wir wissen alle um die „Brückenkonstruktion“ des Pferdekörpers mit Vorhand und Hinterhand als Stützpfeiler. Die meisten Reiter wissen auch, dass bereits im Stand und ohne Reitergewicht ca. 60% des Pferdegewichts durch die Vorhand gestützt werden. Um in der freien Natur viele Stunden Nahrung aufnehmen zu können ohne zu ermüden und unnötig Kalorien zu verbrauchen, ist die Pferdevorhand zur Ausführung von energiesparender Stützarbeit ideal konzipiert. Leider können wir uns zum Reiten nicht einfach weiter hinten auf den Pferderücken setzen, um so eine Gleichgewichtssituation herzustellen, denn nur im Bereich der mittleren Brustwirbelsäule mit „echten“ Rippen, die am Brustbein ansetzen, ist ein Pferderücken tragfähig. Nun gut, dann kann man vielleicht darauf vertrauen, dass die gut stützende Vorhand auch noch die zusätzliche Belastung durch einen Reiter aushält. Erstaunlicherweise gibt es tatsächlich Pferde, auf die das zutrifft – genauso wie es Kettenraucher gibt, die steinalt werden…. Wenn man aber bedenkt, dass Untersuchungen gezeigt haben, dass mit jedem Trabtritt bis zu 3t (TONNEN) Bewegungsenergie auf die Vorhand treffen, ist es nicht so verwunderlich, wenn unendlich viele Pferde unter Erkrankungen des Fesselträgers und der Hufrolle der Vorderbeine leiden.

Also, was können wir tun?

1. Nicht reiten – verdammt ;-))

2. Wir können uns die Muskulatur des Pferdes zunutze machen, denn diese können wir im Gegensatz zum unveränderlichen Skelett durch gymnastizierendes Arbeiten beeinflussen

Wie jedes Lebewesen hat auch das Pferd Muskeln, die für Bewegungsarbeit und/oder Haltearbeit konzipiert ist und physiologischerweise sollte die Muskulatur auch unter dem Reiter zweckentsprechend eingesetzt werden. Und hier kommt jetzt die „Anlehnung“ ins Spiel! Wenn es mir als Reiter gelingt eine weiche, stetige und federnde Verbindung zum Pferdemaul aufzubauen, kann ich daran arbeiten, mein Pferd (mit mir obendrauf) vom „natürlichen“ (Un-) Gleichgewicht in ein „erworbenes“ Gleichgewicht zu bringen. Im vorangegangenen Text zum Takt habe ich den Mechanismus des federnden Hinterbeines und des Energieflusses über einen schwingenden Rücken nach vorne schon einmal erwähnt. Findet diese Bewegungsenergie nach vorne keinen „Gegenpol“, verpufft sie ins Nichts! Natürlich bewegt sich das Pferd vorwärts, denn es wird ja durch die Hinterhand angeschoben, aber der Energiefluß entspricht dem des Schiebens einer Schubkarre (kennt ihr noch das Schubkarrenspiel aus Eurer Kindheit?   Menschenskinder,  ging das auf die Handgelenke, wenn man die Schubkarre war…)

Mit einer guten Anlehnung wird die Bewegungsenergie wieder zur Hinterhand zurückgebracht und über diesen Spannungsbogen kann der Reiter lernen sein Pferd immer besser auszubalancieren. In der Ausführung gehen wir z.B. von einem losgelassen trabenden Pferd aus, welches sich aus dem Widerrist fallen lässt und ohne Angst den Kontakt des Gebisses sucht bzw. sich an dieses herantreiben lässt. Jetzt haben wir eine Verbindung zum Pferdekopf und mit dem richtigen Timing einer halben Parade veranlassen wir das gerade auffußende Hinterbein etwas länger am Boden zu bleiben, sich vermehrt zu beugen und sich wie eine Feder zu spannen. Mit dem Abfußen gebe man soweit nach, dass die Energie nach vorne gelangen kann und unterstütze diesen Moment durch die wohldosierte treibende Schenkelhilfe. Und schon beginnt das Spiel von neuem… Wenn uns als Reiter das Zusammenspiel dieser Hilfen gelingt und das Pferd körperlich und mental in der Lage ist, diese auch umzusetzen, wird sich unser Pferd zunehmend vorne aufrichten und seinen Körperschwerpunkt nach hinten verlagern.

Zurück zu den beiden Extrembeispielen vom Anfang: In der Westernreitweise wird als Endziel eine „Selbsthaltung“ des Pferdes angestrebt, die auf die Anlehnung verzichtet – Leider kann ein Pferd seinen Widerrist mit seiner angespannten Oberhalsmuskulatur bei gleichzeitig entspannter Unterhalsmuskulatur nur für sehr kurze Momente anheben und dadurch ein erworbenes Gleichgewicht „selbst halten“. Einen positiven Spannungsbogen über einen schwingenden Pferderücken aber aufrecht zu erhalten, setzt voraus, dass auf beiden Seiten des Bogens ein Widerlager vorhanden ist. Zwischen denen kann sich die Bewegungsenergie durch regelmäßiges An- und Abspannen der wechselseitigen Muskelgruppen ohne schnelles Ermüden von einem ausschließlich schiebenden in ein auch tragendes System umwandeln lassen.

Auch die häufig anzutreffende Ausdauerhaltearbeit an den Zügeln, die dann aus Verzweiflung oder Bequemlichkeit zu allerlei Hilfszügeln greifen läßt, hat mit Anlehnung nichts zu tun!! „Vorne halten – hinten stechen“ ist komplett unphysiologisch und führt zu Spannungen, Blockaden, Schiefe (übrigens bei Pferd UND Reiter) und belastet dadurch ebenso die Vorhand unserer Pferde, wie das anlehnungsfreie Reiten. Ein solchermaßen zusammengeschraubtes Pferd wird keinerlei Losgelassenheit oder Durchlässigkeit zeigen, sondern in seiner Verzweiflung mit kreiselndem Schweif, breit hinten heraustretender Hinterhand, zähneknirschend, laut und platschend auffußend seine Runde drehen.

Es geht um ein FEINES Zusammenspiel der Hilfen, das mühsam erlernt werden will. Die Anlehnung soll sich im Endziel anfühlen, wie ein Päckchen weiche Butter und nicht mehr als 250g betragen. Um ein Bild für den Alltag zu bemühen, möchte ich jeden Reiter bitten, sich in seiner nächsten Reiteinheit vorzustellen, er habe einen kleinen Vogel in der Hand – er soll nicht wegfliegen, aber idealerweise auch die Stunde überleben.

Viel Spaß und viele Grüße

Euer Jörg

Comments

  1. Bin Ende Februar in Waiblingen dabei und freue mich riesig, weil wir genau hier unser Hauptproblem haben.

  2. Andrea Ruehle meint

    Würde mich freuen, wenn Sich auch in die Schweiz kämen.

  3. Ein toller Artikel!
    Ich habe es selbst erfahren dürfen wie es sich anfühlt so fein zu reiten.
    Es war harte arbeit, aber toll zu merken, welchen spaß Pferde plötzlich am arbeiten und am vorwärts gehen hatten. Leider hab ich nie wieder einen solchen lehrer gefunden der mir weiter dabei helfen konnte aber ich versuche das beste daraus zu machen.

  4. Welch schöner Artikel! Danke!!

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